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Kundgebung: „Für Vielfalt und ein buntes Miteinander in Kassel“

Die Kundgebung für Vielfalt und buntes Miteinander in Kassel wurde am 25.April 2015 tatkräftig von SchLAu-Projekten unterstützt. Unser Team von SchLAu Kassel präsentierte sich vor Ort mit einem Stand, einer Fotoaktion und in einem Redebeitrag. Als Unterstützung kamen Teamer_innen von SchLAu Frankfurt, SchLAu Marburg_Gießen und SchLAu Göttingen hinzu.

Mit der Kundgebung richteten sich verschiedene Vereine und Organisationen gegen eine ursprünglich zeitgleich geplante Demonstration der sogenannten „Besorgten Eltern“, welche kurzfristig abgesagt wurde. Die besorgten Eltern demonstrieren bundesweit gegen Sexualaufklärung, Feminismus, Gender-Diskurse und LGBTQ*-Bildungsprojekte. Mit der Demo für Vielfalt wollen die beteiligten Akteur_innen ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und Skandalisierung setzen.

Wir freuen uns über die zahlreich erschienen Unterstützer_innen, sagen Danke an die Organisator_innen und SchLAu Kassel und laden Kritiker_innen weiterhin herzlich ein, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Hier ist auch der Redebeitrag von Carolin Eichhorn zum Nachlesen:

Kassel, 25.04.2015
Hallo und herzlich willkommen zu der Kundgebung „ Für Vielfalt und ein buntes Miteinander in Kassel“! Mein Name ist Carolin Eichhorn und ich bin eine der Koordinatorinnen von SchLAu Kassel.

Was ist SchLAu Kassel? Wir sind ein Aufklärungsprojekt, das sich für Aufklärung und gegen Diskriminierung einsetzt.

SchLAu steht für schwul-lesbische Aufklärung an Schulen und beinhaltet seit einigen Jahren auch Bisexualität und Trans*. Wir besuchen vor allem Schulklassen und Jugendgruppen und veranstalten dort Workshops. Unsere Workshops sind Antidiskriminierungsprojekte, die einen Beitrag dazu leisten sollen, Respekt und Akzeptanz gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Menschen zu fördern. Hierbei sprechen wir auch über unsere persönlichen Erfahrungen und unsere Coming-Outs.

SchLAu Kassel steht dabei in Deutschland nicht alleine: Bereits seit dem Jahr 2000 gibt es SchLAu NRW. SchLAu NRW macht sich auch für die bundesweite Vernetzung von LGBTQ*-Aufklärungsprojekten stark. So wurden seitdem auch SchLAu Rheinland-Pfalz, SchLAu Niedersachsen und SchLAu Hessen gegründet. Projekte von SchLAu Hessen sind SchLAu Frankfurt, SchLAu Darmstadt, SchLAu Marburg_Gießen, SchLAu Wiesbaden und seit 2013 auch wir von SchLAu Kassel. Heute sind auch viele Besucher von anderen SchLAu Gruppen anwesend um uns zu unterstützen. Vielen Dank also an SchLAu Frankfurt, SchLAu Göttingen und SchLAu Marburg_Gießen.

Unsere SchLAu-Teams arbeiten ausschließlich ehrenamtlich und werden durch verschiedene Träger finanziell unterstützt, bei SchLAu Kassel ist das die AIDS-Hilfe Kassel. Wir sind junge Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenshintergründen und sorgen so für eine vielfältige Kommunikationsbasis. Auch folgen alle SchLAu-Projekte unseren Qualitätsstandards die unter anderem durch Schulungen unserer Teamer_innen gewährleistest werden.

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Carolin Eichhorn, SchLAu Kassel

Nun besteht natürlich die Frage: Was machen wir eigentlich genau? Eine unmissverständliche Antwort darauf ist seit Oktober 2014 umso wichtiger. Denn im Oktober 2014 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zwei Artikel, die scheinbar gezielt desinformierten und teilweise faktisch nicht korrekt waren und daher ein ausgesprochen negatives Licht auf uns geworfen haben. Das negative Image, was durch diese Artikel entstanden ist, wurde auch von anderen Bewegungen aufgegriffen. Unter anderem von den „Besorgten Eltern“, die für heute allerdings kurzfristig abgesagt haben.

In dem Artikel „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“ von Antje Schmelcher wird bewusst Sexualaufklärung mit Bildungsarbeit verwechselt. Auch in dem kurz darauf folgendem Artikel „Waldschlösschen“ wurde die Arbeit von SchLAu und dem Waldschlösschen von Frau Schmelcher diskreditiert und sogar mit Pädophilie in Verbindung gebracht. Es wurde also bewusst mit Klischees und mit der Angst von Menschen gearbeitet, um ein verfälschtes Bild unserer Arbeit darzustellen. Trotz von uns verfassten Leserbriefen, von denen nur einer zum Teil abgedruckt wurde, sind die Auswirkungen dieser Artikel leider noch immer bundesweit spürbar. Dies äußert sich zum Beispiel durch rückläufige Buchungszahlen und durch ein ständiges Hinterfragen unserer Motive.

Was tun wir jetzt also genau? SchLAu leistet, wie eingangs erwähnt, Antidiskriminierungsarbeit und bietet keine Sexualaufklärung an. Sollten solche Fragen in einem unserer Workshops aufkommen antworten wir auf einer allgemeinen, sachlichen Ebene und in altersangemessener Sprache und verweisen auf die schulische Sexualerziehung, deren bereits überfällige Reform wir natürlich unterstützen. Wir zeigen also keine Stellungen, bringen Sexspielzeug mit oder versuchen gar Schüler_innen umzuerziehen.

Im Zentrum unserer Workshops steht die Begegnung mit schwulen, lesbischen, bisexuellen und trans* Menschen. Wir bieten Jugendlichen dadurch eine Plattform um Fragen zu stellen, für die sie sonst nie einen Raum finden. Unser Ziel ist es schließlich Klischees und Vorurteile abzubauen und für Akzeptanz zu werben.

Einige Menschen werden sich natürlich Fragen, warum unsere Arbeit überhaupt notwendig ist? Ein gutes Beispiel dafür ist natürlich der Grund warum wir heute hier stehen: Die Verkündung in mehreren Bundesländern, dass sexuelle Orientierung ein fächerübergreifender Bestandteil des Curriculums werden soll, löste eine Welle von öffentlichen Protestaktionen, wie die „Demo für Alle“ und die „Besorgten Eltern“ sowie Online-Petitionen aus, welche vor Augen geführt haben, das Toleranz oder gar Akzeptanz noch lange keine Selbstverständlichkeit sind.

Ein weiterer Grund ist der Fakt, dass die Schule selber ein homo- und trans*phober Ort ist. „Schwule Sau“ und „Schwuchtel“ sind mit die meistverwendeten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen und das Thema sexuelle Orientierung wird von Lehrer_innen meist bewusst übergangen (Lippl 2008). In Berliner Schulen wurde sogar festgestellt, dass 62% der Berliner Sechstklässler diese Begriffe bereits als Schimpfwort verwenden (Klocke 2012).

Diskriminierung von Schüler_innen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ist ein weit verbreitetes Problem an deutschen Schulen: 60% haben Gewalterfahrungen an Schulen gemacht; insbesondere männliche Schüler in Form von Körperverletzung und Drohungen (Lippl 2008). Im höheren Alter nimmt diese Tendenz wieder ab, das zeigt aber, dass gerade in der Schule – insbesondere bei jüngeren Schüler*innen – präventive Maßnahmen stark von Bedeutung sind. Leider zeigen Studien, dass selten etwas unternommen wird! Nur in ca. 28% der Fälle werden negative Aussagen zum Thema Homosexualität und Trans* unterbunden und rund 53% der Schüler_innen können nach eigenen Angaben nicht auf die Unterstützung von Lehrer_innen zählen. Dies führt dazu, dass etwa 57% der Schüler_innen die Entscheidung treffen, sich aus Angst nicht in der Schule zu outen. (Maneo 2007/2008). Wie man sieht, fällt ein Outing in der Schule meist sehr schwer, insbesondere wenn Schüler_innen bereits Angst vor Ausgrenzung in der eigenen Familie haben müssen – denn 35% der Lesben und Schwulen werden in ihren Familien benachteiligt oder abgelehnt (Landeshauptstadt München. Direktorium. Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen 2004).

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SchLAu klärt auf!

Auch wird das Thema nur selten, wenn überhaupt, im Unterricht behandelt. Nur 28% der Schüler_innen geben an, das Thema ausführlich im Unterricht behandelt zu haben (Klocke 2012), was deckungsgleich mit unseren eigenen ausgewerteten Feedbackbögen ist. Dies kann am mangelnden Material, heteronormativen Schulbüchern und einem generellen Desinteresse seitens der Lehrer_innen und der Schulleitung liegen.

Das führt zu einer erheblichen Benachteiligung von etwa 5-10% aller Menschen. Denn dieser Anteil der Menschheit ist, nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung, lesbisch, schwul, bi oder trans*. Das sind ein bis zwei Jugendliche pro Schulklasse. Im Verhältnis sind das ungefähr genauso viele Menschen, wie es Linkshänder_innen gibt. Die Konsequenzen sind unter anderem ein geringeres Selbstwertgefühl, Stress und der Fakt, das homosexuelle Jugendliche ein 4-mal höheres Selbstmordrisiko haben (Maneo 2007/2008).

Was ist aber mit den Schüler_innen, die nicht direkt von der Thematik betroffen sind? Finden diese Jugendlichen unsere Workshops überhaupt interessant? Um diese Frage zu beantworten ist es wohl am Besten, die Jugendlichen selber sprechen zu lassen. Daher würde ich gerne ein paar Zitate vorlesen, welche Schüler*innen auf unseren Umfragebögen hinterlassen haben:

  • „Die Vorträge waren sehr interessant und haben mir die Vorurteile abgebaut, die ich hatte.“
  • „Ich war positiv überrascht, da sich die Klasse sehr geöffnet hat. Ich finde, dass diese Themen als Grundlage in jeder Schule bearbeitet werden soll.“
  • „Ich fand es spannend direkt Menschen kennenzulernen, die diese Thematik behandeln und es nicht nur aus dem TV zu sehen.“
  • „Ich finde es gut, dass die Lehrer draußen bleiben müssen und so offen darüber geredet wurde.“
  • „Ich finde es toll, dass ihr das macht. Es ist sehr wichtig für die Gesellschaft und ich bewundere ihren Mut.“

Diese Kommentare decken sich auch mit unseren Erfahrungen als Workshopleiter_innen. Nach jedem Workshop spüren wir, dass wir die Welt ein Stück verbessert haben, und wenn auch nur eine einzelne Person ihre Vorurteile überdenkt oder gar abgelegt hat, dann haben wir schon eine Menge erreicht! Letztendlich träumen wir von einer Zukunft, in der alle miteinander leben können, ohne sich Gedanken über das Umfeld zu machen, sich zu verstellen oder gar Angst zu haben so zu sein, wie man ist.

Natürlich stellen sich einige von Ihnen vielleicht noch viele weitere Fragen, wie z.B.: Ist die Teilnahme freiwillig? Warum sind Lehrkräfte nicht bei den Workshops anwesend? Bewerten wir ablehnende Haltungen seitens der Schüler_innen?

Um diese Fragen zu beantworten, verweise ich auf unser Motto: „Mit uns reden, statt über uns!“.

Ich lade alle Anwesenden und auch gerne die „Besorgten Eltern“ dazu ein, bei uns am Stand vorbeizuschauen, um Fragen zu stellen. Auch haben wir ein FAQ zusammengestellt, welches die häufigsten Fragen beantwortet und das online zur Verfügung steht. Auch wird diese Rede auf der Webseite von SchLAu Hessen mit allen Quellen zum Nachlesen veröffentlicht. Dann bleibt mir nur noch mich für Ihre Aufmerksamkeit zu bedanken und ihnen noch viel Spaß bei der restlichen Veranstaltung zu wünschen.

Quellen:

  • Klocke, U. (2012). Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.
  • Lippl, Bodo (2008). Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Hasskriminalität gegenüber bisexuellen und schwulen Jugendlichen im Coming-out. Impuls.
  • MANEO – Das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin (2007/2008). Gewalterfahrungen von schwulen und bisexuellen Jugendlichen und Männern in Deutschland. Berlin.
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier “Homosexualität”. ww.bpb.de/gesellschaft/gender/homosexualitaet/.

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